Die Gedächtnislosen

Ich möchte heute ein spannendes Geschichtsbuch vorstellen. Das mag für manche ein Widerspruch in sich sein, und – ehrlich gesagt – gehören Bücher über Geschichte normalerweise auch nicht zu meiner Lieblingslektüre. Aber dieses kluge Buch über Vergangenheitsbewältigung und Nachkriegspolitik, auf das mich eine Kollegin aufmerksam gemacht hat, macht wirklich Spaß!

Géraldine Schwarz, eine deutsch-französische Journalistin und Dokumentarfilmerin, Jahrgang 1974, entdeckt eines Tages in alten Familiendokumenten, dass ihr deutscher

Großvater 1938 im Zuge der Arisierung ein jüdisches Unternehmen übernommen und sich nach dem Krieg geweigert hat, dem überlebenden Vorbesitzer die geforderten Reparationszahlungen zu leisten. Weitere Nachforschungen der Autorin fördern zutage, dass ihr französischer Großvater dem Vichy-Regime als Gendarm diente. Die Großväter: ein Nazi-Mitläufer und ein „Collabo“?

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Voulez-vous?

„Aber nein, ich spreche gar kein Französisch“, sagen Sie jetzt vielleicht. Oder denken mit leichtem Grausen an gallische Fiesigkeiten wie verbes irréguliers oder subjonctif. Dabei sprechen Sie mehr Französisch als Sie möglicherweise denken!

Unsere deutsche Sprache ist in vielen Bereichen durchsetzt von (d)englischen Begriffen, man kann ihnen kaum entgehen. Manch einer findet sie hip und nutzt sie in excess, manch einer verteufelt sie, fühlt sich geradezu überrollt von der Flut an Anglizismen, die da in unsere Sprache schwappt. Aber was ist eigentlich mit Wörtern unserer französischen Nachbarn, mit denen uns seit 1963 immerhin der deutsch-französische Freundschaftsvertrag verbindet? Was ist mit Gallizismen?

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Wortgefechte an der Virenfront

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Sprache

Katastrophen und Krisen bringen nicht nur Zerstörung und Verlust mit sich, sondern schaffen auch Veränderung und Erneuerung. Unter anderem neues Vokabular, denn auch über die neue Situation muss kommuniziert werden. Viele dieser Neologismen verschwinden genauso schnell wieder wie sie gekommen sind.

Andere bleiben – wenn nicht im aktiven Wortschatz, so zumindest in der Erinnerung. Mal ganz ehrlich, hätten Sie vor 2004 gewusst, was ein Tsunami ist? Gerade extreme Wetterphänomene bringen ihr ganz eigenes „Fachvokabular“ mit: Superzelle, Hagelschlot, Hitzehölle, Russenpeitsche oder Schneekeule, um nur einige Beispiele zu nennen. Und hätten Sie vor den Anschlägen vom 11. September 2001 bei „Achse des Bösen“ nicht eher an eine Verschwörung gegen James Bond oder die Gefährten der Ringgemeinschaft gedacht als an einen Begriff aus einer Rede zur Nation des US-Präsidenten? Continue reading

Lost in (Machine) Translation?

Wer hätte nicht schon einmal davon geträumt, eine Sprache zu verstehen, ohne sie lernen zu müssen? Ohne sich durch endlose Vokabellisten, komplizierte Grammatikregeln mit tausend Ausnahmen zu quälen? Sogar in der Literatur begegnen wir diesem Menschheitstraum in Gestalt des Babelfischs („Per Anhalter durch die Galaxis“).

Machine Translation oder maschinelle Übersetzung scheint diese Idee mittlerweile in greifbare Nähe zu rücken. Continue reading

Bierworträtsel

 Sprachspaß und Lieblingsfachgebiet vereint: im Bierworträtsel!

Nicht immer muss man Bier trinken, um Spaß daran zu haben. Auch Bier rätseln kann Spaß machen.

Erst recht, wenn süffige Gewinne winken …

Mitmachen und gewinnen!

Drei Gewinner dürfen sich über je ein Probier-Sixpack von In-Ale freuen.

In Ale, in Bier. Mittendrin! Sie leben und lieben Bier.
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Mit Hingabe und Begeisterung gebraute Geschmackserlebnisse – innovativ, vielfältig und spannend!


Foto: AMP Brewing GmbH & Co.KG

 

 

 

 

Martin Luther – ein moderner Übersetzer?

2017 – das Lutherjahr: Luther hier und Luther da! Luther überall! Aber was hat nun dieser strebsame Studiosus, geistreiche Gelehrte und rebellische Reformator mit Sprache zu tun, oder gar mit Bier? Mit Sprache hat der Augustinermönch Luther tatsächlich sehr viel zu tun:

Denn er war nicht nur Theologe, sondern auch ein sprachgewaltiger Übersetzer! Mit seiner Übersetzung der Bibel ins Deutsche, an der er von 1521 bis 1534 arbeitete, und damit auch den Grundstein für die Sprache legte, die wir heute als Hochdeutsch kennen, dürfte er die deutsche Sprache beeinflusst haben wie kaum ein anderer. Denn zur Zeit der Reformation gab es noch keine allgemeine deutsche Sprache, sondern Oberdeutsch (im Süden), Niederdeutsch (im Norden) und Mitteldeutsch (in der Mitte). Diese drei Ausprägungen des Deutschen wiesen so erhebliche Unterschiede auf, dass sie untereinander nur schwer verstanden wurden. So hieß z.B. ein Keramikermeister je nach der geographischen Lage seiner Werkstatt Hafner, Pötter oder Töpfer. In seiner Übersetzung der Bibel verwendete Luther, der ja in Mitteldeutschland beheimatet war, sprachliche Elemente aus allen Varianten des Deutschen, die damals gesprochen wurden, und schuf so erstmals ein Werk, das in ganz Deutschland gelesen und verstanden werden konnte. Die Erfindung der Druckerpresse kam da gerade recht. Der wortgewandte Kirchenmann verfasste darüber hinaus unzählige Schriftstücke und Predigttexte und reihte sich so unter die wichtigsten deutschen Autoren aller Zeiten ein – ein echter Beststeller-Autor! Continue reading

Tooooooooor!

Fußball-EM 2016: Europa sitzt vor der Glotze oder beim Public Viewing (wenn es gerade mal nicht regnet). So auch ich. Dabei fällt mir einmal mehr auf, dass der Fußball, wie auch andere Sportarten, für Übersetzer und Dolmetscher gewissermaßen ein ganzes Spielfeld voller einladender Fallgruben und Stolpersteine bietet.
Wer sich da nicht auskennt, hat sich schnell verdribbelt und riskiert, vom Platz gestellt zu werden. Denn der Jargon wartet mit etlichen Fachwörtern und Metaphern auf, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen. Continue reading

Und tschüs!

Tschüs – ein Allerweltswort. Durch die Medien hat sich dieses norddeutsche Grußwort vor allem seit den 70er-Jahren in ganz Deutschland verbreitet und gilt heute als modern-lockerer Gruß für (fast) alle Lebenslagen. In ganz Deutschland? Nein! In Bayern gibt es noch immer ein paar Unbeugsame, denen dieses kleine Wort so gar nicht über die Lippen will.

So manchen plagen regelrecht Schmerzen, wenn dieses Wörtchen an sein Ohr gelangt, und besonders bei den Varianten „Tschüssi“ oder gar „Tschüssikowski“ biegen sich einigen Bayern schier die Zehennägel aufwärts. Eine Passauer Schule hat sich 2012 sogar zur tschüs-freien Zone erklärt. Wie kommt das? Es drängt sich der Verdacht auf, diese Abneigung liege einfach daran, dass „Tschüs“ eindeutig ein norddeutsches – und damit „preissisches“ – Wort ist. Aber ist es das wirklich? Continue reading

Alle Jahre wieder…

Nikolaus-2

… stellt sich die Frage: Wer bringt an Weihnachten eigentlich die Geschenke? Das Christkind? Der Weihnachtsmann? Oder gar der Nikolaus? Stimmt, den gibt es ja auch noch! Aber der kommt ja schon vor Weihnachten.

Widmen wir uns also zunächst dem Nikolaus: Der Nikolaus kommt bekanntlich am 6. Dezember, um die (braven) Kinder zu beschenken. Aus dem von Generationen von Kindern gefürchteten goldenen Buch werden die Verfehlungen des Jahres vorgelesen, aber natürlich wird auch nicht an Lob gespart. Oft hat der Nikolaus auch finstere Gesellen aus vorchristlicher Zeit für die unartigen Kinder dabei: In Süddeutschland den Krampus oder Kramperl, in Norddeutschland Knecht Ruprecht. Continue reading