Wortgefechte an der Virenfront

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Sprache 

Katastrophen und Krisen bringen nicht nur Zerstörung und Verlust mit sich, sondern schaffen auch Veränderung und Erneuerung. Unter anderem neues Vokabular, denn auch über die neue Situation muss kommuniziert werden. Viele dieser Neologismen verschwinden genauso schnell wieder wie sie gekommen sind. Andere bleiben – wenn nicht im aktiven Wortschatz, so zumindest in der Erinnerung. Mal ganz ehrlich, hätten Sie vor 2004 gewusst, was ein Tsunami ist? Gerade extreme Wetterphänomene bringen ihr ganz eigenes „Fachvokabular“ mit: Superzelle, Hagelschlot, Hitzehölle, Russenpeitsche oder Schneekeule, um nur einige Beispiele zu nennen. Und hätten Sie vor den Anschlägen vom 11. September 2001 bei „Achse des Bösen“ nicht eher an eine Verschwörung gegen James Bond oder die Gefährten der Ringgemeinschaft gedacht als an einen Begriff aus einer Rede zur Nation des US-Präsidenten? Continue reading

Tooooooooor!

 

 

Fußball-EM 2016: Europa sitzt vor der Glotze oder beim Public Viewing (wenn es gerade mal nicht regnet). So auch ich. Dabei fällt mir einmal mehr auf, dass der Fußball, wie auch andere Sportarten, für Übersetzer und Dolmetscher gewissermaßen ein ganzes Spielfeld voller einladender Fallgruben und Stolpersteine bietet. Wer sich da nicht auskennt, hat sich schnell verdribbelt und riskiert, vom Platz gestellt zu werden. Denn der Jargon wartet mit etlichen Fachwörtern und Metaphern auf, die sich nicht eins zu eins übersetzen lassen. Continue reading

Und tschüs!

 

Tschüs – ein Allerweltswort. Durch die Medien hat sich dieses norddeutsche Grußwort vor allem seit den 70er-Jahren in ganz Deutschland verbreitet und gilt heute als modern-lockerer Gruß für (fast) alle Lebenslagen. In ganz Deutschland? Nein! In Bayern gibt es noch immer ein paar Unbeugsame, denen dieses kleine Wort so gar nicht über die Lippen will. So manchen plagen regelrecht Schmerzen, wenn dieses Wörtchen an sein Ohr gelangt, und besonders bei den Varianten „Tschüssi“ oder gar „Tschüssikowski“ biegen sich einigen Bayern schier die Zehennägel aufwärts. Eine Passauer Schule hat sich 2012 sogar zur tschüs-freien Zone erklärt. Wie kommt das? Es drängt sich der Verdacht auf, diese Abneigung liege einfach daran, dass „Tschüs“ eindeutig ein norddeutsches – und damit „preissisches“ – Wort ist. Aber ist es das wirklich? Continue reading

Alle Jahre wieder…

Nikolaus-2 

… stellt sich die Frage: Wer bringt an Weihnachten eigentlich die Geschenke? Das Christkind? Der Weihnachtsmann? Oder gar der Nikolaus? Stimmt, den gibt es ja auch noch! Aber der kommt ja schon vor Weihnachten.

Widmen wir uns also zunächst dem Nikolaus: Der Nikolaus kommt bekanntlich am 6. Dezember, um die (braven) Kinder zu beschenken. Aus dem von Generationen von Kindern gefürchteten goldenen Buch werden die Verfehlungen des Jahres vorgelesen, aber natürlich wird auch nicht an Lob gespart. Oft hat der Nikolaus auch finstere Gesellen aus vorchristlicher Zeit für die unartigen Kinder dabei: In Süddeutschland den Krampus oder Kramperl, in Norddeutschland Knecht Ruprecht. Continue reading

Haben Sie schon ein Wiesen-Kostüm?

 

Neulich lief ich in Gedanken an einem Werbeplakat vorbei, ohne den Text wirklich wahrzunehmen. Dennoch verhakte er sich in meinem Hinterkopf, wo er seitdem keine Ruhe gibt: „Haben Sie schon ein Wiesen-Kostüm?“ Wiesen-Kostüm…. Wiesen-Kostüm??? Daran ist irgendetwas komisch. Und es ist nicht der Bindestrich, über den man sicherlich auch diskutieren könnte. Nein, es ist das „Kostüm“, das mich in diesem Zusammenhang stört. Aber was ist eigentlich ein Kostüm? Continue reading

Mama, Du bist unmaniert!

 

 

Ganz ehrlich: Manchmal beneide ich meine Kinder. Weil sie dürfen – und mit Hingabe tun -, was ich nicht darf: Wörter nach Bedarf verbiegen oder erfinden. Auch einer versierten Übersetzerin passiert es nämlich: Ich sitze grübelnd vor dem Rechner, habe den Sinn des Satzes erfasst, nur das eine passende Wort will mir leider nicht einfallen…

Meine Mädels sind beide recht wortgewandt (die Gene…). Wenn aber nun mitten im Gespräch ein Wort fehlt – kein Problem! Da erfinden wir halt eins! Continue reading

Craft Beer

 

green hops isolated on the white background.

Craft Beer! Bestimmt ist Ihnen dieses Wort in letzter Zeit auch schon begegnet. Aber was ist eigentlich Craft Beer? Wörtlich übersetzt ist Craft Beer ein handwerklich (craft) gebrautes Bier (beer). Aber Craft Beer ist viel mehr als pures Handwerk:

Angefangen hat die „Craft Beer Revolution“ in den 70-er Jahren im Nordwesten der USA, als einige „Homebrewer“ nach einer Gesetzesänderung anfingen, ihr eigenes Bier zu brauen – als Gegenentwurf zu den industriell in breiter Masse hergestellten Bieren, die doch irgendwie alle ähnlich schmeckten. Inzwischen erobert das individuelle Craft Beer mit oft ungewohnten und ausgefallenen Geschmacksrichtungen auch Deutschland. Continue reading

Sprache und Getränke

Sprache und Getränke – das sind meine Themen. Aber wie passt das zusammen?

Sehr gut, finde ich! Denn beide haben viele Gemeinsamkeiten:

Selbst das Vokabular zur Beschreibung von Getränken und Texten ähnelt sich. Auf der negativen Seite lässt sich feststellen, dass sowohl Getränke als auch Texte geschmacklos, langweilig, fad oder ermüdend sein können. Beide können andererseits aber auch entspannend, anregend oder gehaltvoll sein und sogar Geist enthalten. Die wohl bemessene Menge eines geistigen Getränks vermag so manchen Kopf zu geistreichen Formulierungen zu beflügeln. Wobei hier zu beachten wäre, dass steigender geistiger Gehalt im Getränk eher zu geistiger Gehaltlosigkeit in der Sprache führt…

Getränke sind flüssig. Aber auch Sprache kann flüssig sein – fließende Worte, flüssige Sprache, ein sprudelnder Wortfluss gar! Wie schon Heraklit sagte: „Alles fließt!“

Beides lässt sich zum eigenen Wohle konsumieren. Denken Sie an ein kühles Bier im schattigen Biergarten an einem heißen Sommertag. Oder stellen Sie sich vor, Sie gönnen sich ein schönes Glas Wein auf Ihrer Terrasse. Sprache genieße ich am liebsten in Form eines guten Buchs. Wenn ich mich mit meinem Buch gemütlich niederlasse, sage ich oft: „Ich nehme noch ein paar Buchstaben zu mir“. Manchmal entfalten Sprache und Getränk auch zusammen ihr volles Genusspotential: Sich in ein fesselndes Buch vertiefen, dazu ein Gläschen vom Lieblingswein – ein wahrer Hochgenuss!

In diesem Sinne – willkommen in der S.IDE-Bar!