Voulez-vous?

 

„Aber nein, ich spreche gar kein Französisch“, sagen Sie jetzt vielleicht. Oder denken mit leichtem Grausen an gallische Fiesigkeiten wie verbes irréguliers oder subjonctif. Dabei sprechen Sie mehr Französisch als Sie möglicherweise denken!

Unsere deutsche Sprache ist in vielen Bereichen durchsetzt von (d)englischen Begriffen, man kann ihnen kaum entgehen. Manch einer findet sie hip und nutzt sie in excess, manch einer verteufelt sie, fühlt sich geradezu überrollt von der Flut an Anglizismen, die da in unsere Sprache schwappt. Aber was ist eigentlich mit Wörtern unserer französischen Nachbarn, mit denen uns seit 1963 immerhin der deutsch-französische Freundschaftsvertrag verbindet? Was ist mit Gallizismen?

Das Französische, damals das Fränkische genannt, hielt bereits im Mittelalter Einzug in die deutsche Sprache. Die Ursprünge des hehren Rittertums, nach dem man seinerzeit strebte, liegen schließlich im heutigen Frankreich. In dieser Zeit gelangten erste Wörter aus dem Altfranzösischen ins Deutsche, zum Beispiel Tanz (danse), Flöte (flaüte), Posaune (buisine) oder Manieren (manière). Hätten Sie gedacht, dass auch das astrein deutsch klingende Verb „fehlen“ seine Ursprünge in der Zeit des französischen Rittertums hat? Das zunächst als Turnierausdruck aufgenommene altfranzösische Verb faillir („beim Stoß mit der Lanze das Ziel verfehlen“) gilt bereits im Mittelhochdeutschen entsprechend dem altfranzösischen Vorbild auch für „sich irren“, „fehlschlagen“ und „mangeln, nicht zur Verfügung stehen“ (s. DUDEN).

Spätestens mit dem Sonnenkönig Louis XIV, der sich und seinen Hof extravagant und pompös inszenierte wie so mancher Popstar der heutigen Zeit, war die französische Sprache auch in deutschen Landen richtig en vogue. Wer etwas auf sich hielt, parlierte beim jour fixe en français. Noblesse oblige! Ob bildende Künste oder Mode: in allen Bereichen galt der Roi de Soleil als Vorbild par excellence. So ist es nicht verwunderlich, dass gerade in dieser Epoche eine enorme Menge französischer Begriffe ins Deutsche übernommen wurde. Dazu zählen etwa Etage, Fassade, Terrasse, Sockel in der Architektur oder Begriffe wie Uniform, Garderobe, Manschette, Pantoffel, Perücke, Weste und nicht zuletzt die Accessoires in der haute couture. Und auch die von Louis XIV 1598 aus Frankreich vertriebenen Hugenotten, die in ganz Europa Zuflucht fanden, hatten französisches Vokabular im Gepäck.

Dann kam Napoleon, der mit seinen Truppen ebenfalls französischen Wortschatz mitbrachte. Vor allem im Bayerischen finden wir noch heute viele Gallizismen. Doch dazu später…

Französische Wörter bilden nach den aus dem Lateinischen entlehnten Begriffen die zweitgrößte Gruppe im Deutschen. Und die Liste ist lang: Wikipedia: Gallizismen im Deutschen. So wie es heute erklärte Gegner von Anglizismen gibt, gab es schon im 17. Jahrhundert Bestrebungen, die „Überfremdung“ des Deutschen durch das Französische zu bekämpfen. Und doch haben sich viele Gallizismen bis heute gehalten. Manche eindeutig als solche erkennbar (z. B. Adresse, arrogant, Baguette, Cousin, Illusion, Jalousie, Massage, Parfum, Reportage, Romanze, Serviette, Zigarette, Zivilisation), anderen kennt man ihre französische Herkunft kaum noch an: hinter der bei Kindern oft vorgebrachten Unmutsäußerung „Ach menno!“ verbirgt sich beispielsweise das französische „Mais non!“.

Und nicht nur in ihrer Lautung sind eingewanderte Begriffe oft nicht mehr zu erkennen, auch die Bedeutung kann sich beim „Grenzübertritt“ von Wörtern oft grundlegend ändern. Womit wir bei den Scheingallizismen und faux amis wären, den falschen Freunden. Die sind wirklich tückisch und können schnell zur Blamage führen. Blamage? Doch wirklich ein waschechter Gallizismus! Oder doch nicht? Blamage bezeichnet im Deutschen eine peinliche Situation, die französische Entsprechung wäre (eben nicht blamage, sondern) honte oder situation embarassante. Der Frisör nennt sich in Frankreich coiffeur, ein gymnase ist nicht etwa ein Gymnasium, sondern eine Turnhalle, die figure hat nichts mit Ihrer Figur zu tun, sondern bedeutet Gesicht. Ein schönes Beispiel wäre auch das Baiser beim Bäcker. Im Französischen ist ein baiser ein Kuss. Das schaumige Zuckergebäck hingegen heißt in Frankreich meringue.

Sehr viele französische Wörter gibt es in meiner bayerischen Heimat. Sie sind Überbleibsel aus der Zeit, in der sich im Russlandfeldzug 30.000 bayrische Soldaten Napoleons Grande Armée anschlossen, wenngleich auch Vieles heute nicht mehr verwendet wird. Zu den kaum noch geläufigen – und mitunter stark „eingebayrischten“ –  Wörtern zählen etwa Parasol (Sonnenschirm), pressant (eilig), Plafond (Zimmerdecke), Gumgumara (Gurke, von concombre), Potschamperl (Nachtopf, von pot de chambre) oder Schani (Diener, von Jean). Ein schönes Beispiel ist auch die Molln, also das weiche Innere der Semmel (von mou/molle = weich). Und auch hier finden wir Sinnänderungen: plumeau bedeutet bei unseren französischen Nachbarn nicht etwa wie in Bayern Federbett, sondern Federbusch oder Federwisch. Vorsicht ist auch bei bagage angeraten: Franzosen bezeichnen damit ihr Gepäck, wohingegen Bayern darunter Gesindel oder zwielichtige Gestalten verstehen. Was in Frankreich einfach ein Stuhl oder Sitz (chaise) ist, wurde in Bayern eine Kutsche oder jedenfalls ein Fahrzeug. Mit dem Zusatz „oid“ (alt) geht die Bedeutung eindeutig ins Negative. Eine oide Schäsn ist im besseren Fall eine klapprige Rostlaube, im schlechteren ein Schimpfwort für eine alte Frau. Dazu passt noch ein anderes schönes altes bayrisches Wort, der Schäsnlack (auch das Noagerl), also der abgestandene Rest im Bierglas. Oft sind es gerade die am urbayrischsten klingenden Wörter, die ihre Wurzeln im Französischen haben. Das Schariwari ist eine Silberkette mit allerlei Berlocken, Grandeln oder Münzen, die an der Lederhose oder in jüngerer Zeit auch am Dirndl getragen wird – eine Art bajuwarische Traditions-Statement-Kette. Es leitet sich ab vom französischen charivari (Radau, Tohuwabohu). Beim Bifflamott, das ich als Kind gelegentlich bei meiner Großtante vorgesetzt bekam und das ich überhaupt nicht mochte, brauchte ich Jahre, um zu verstehen, dass ich hier eigentlich bœuf à la mode auf meinem Teller hatte. Selbst beim Fluchen schimmert das Französische durch: Sakradi kommt von sacre dieu. Und zu guter Letzt ist da natürlich noch Merci, in Bayern überall geläufig, allerdings mit Betonung auf der ersten Silbe, etwa [meàsse]. Gerne auch erweitert „Merci Dir“.

Wir sehen, Sprache überwindet so manche Landesgrenze – und erfährt dabei oft überraschende Verwandlungen!

Übrigens funktioniert der verbale Grenzverkehr auch in die andere Richtung, wenn auch nicht im gleichen Umfang. Da die ins Französische eingewanderten deutschen Wörter aber ein eher düsteres Bild von unserer Nation vermitteln (z. B. blitzkrieg, weltanschauung, poltergeist, waldsterben, bretzel, rollmops, schnaps), lassen wir das jetzt lieber erst mal…