Wortgefechte an der Virenfront

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf unsere Sprache 

Katastrophen und Krisen bringen nicht nur Zerstörung und Verlust mit sich, sondern schaffen auch Veränderung und Erneuerung. Unter anderem neues Vokabular, denn auch über die neue Situation muss kommuniziert werden. Viele dieser Neologismen verschwinden genauso schnell wieder wie sie gekommen sind. Andere bleiben – wenn nicht im aktiven Wortschatz, so zumindest in der Erinnerung. Mal ganz ehrlich, hätten Sie vor 2004 gewusst, was ein Tsunami ist? Gerade extreme Wetterphänomene bringen ihr ganz eigenes „Fachvokabular“ mit: Superzelle, Hagelschlot, Hitzehölle, Russenpeitsche oder Schneekeule, um nur einige Beispiele zu nennen. Und hätten Sie vor den Anschlägen vom 11. September 2001 bei „Achse des Bösen“ nicht eher an eine Verschwörung gegen James Bond oder die Gefährten der Ringgemeinschaft gedacht als an einen Begriff aus einer Rede zur Nation des US-Präsidenten?

SARS-CoV-2, auch einfach Coronavirus genannt, hat unser aller Leben nachhaltig verändert – und das schlägt sich auch in unserer Sprache nieder. Das Virus hat uns eine Menge neuer Begriffe und Begriffsbedeutungen beschert, wie im Detail unter anderem auf der Website des Leibnitz-Instituts für Deutsche Sprache nachzulesen ist. Etwa die „Geisterspiele“ der Bundesliga, die nun wieder stattfinden sollen oder die „Distanzschlange“, deren Lebensraum sich in und vor unseren Einkaufsläden entwickelt. Der „Zoom-Room“, also der in Videokonferenzen sichtbare Ausschnitt eines Raums, wird Richtung Hochglanzkatalog gestaltet, während es darum herum gerne aussehen darf wie bei Hempels. Die Neubildung „Infodemie“ beschreibt sehr gut die rapide und übermäßige Verbreitung von (Fake-)News, die gerade unsere Infokanäle überschwemmen. Daneben sprechen wir über „Öffnungsdiskussionsorgien“, „Alltagsmasken“, „Corona-Frisur“ und ähnliches.

Aber auch Wörter aus alten Zeiten, die – jedenfalls die Jüngeren – nur theoretisch aus dem Geschichtsbuch kennen, erscheinen im neuen Gewand und werden plötzlich für uns real und greifbar: „Hamsterkäufe“. Bei diesem Wort hatte ich bis vor Kurzem noch das Bild der kriegsgebeutelten Anna Wimschneider, im Film „Herbstmilch“ gespielt von Dana Vávrová, im Kopf. Heute sehe ich leere Klopapier- und Seifenregale vor mir. Nach alter Zeit klingt auch „Telefonschalte“. Nannte man das bis vor Kurzem nicht eher neudeutsch „teleconference“ oder zumindest „TelKo“? Telefonschalte klingt nach „Fräulein, geben Sie mir bitte ein Amt!“ Ein wahrlich sperriges Wortgebilde.

Dann wären da noch die in Deutschland so beliebten Anglizismen wie „shutdown“ und „lockdown“. Obwohl es für Letzteres eine eindeutig zuzuordnende deutsche Übersetzung gibt (nämlich Ausgangssperre), wird diese eher selten verwendet. Klingt „lockdown“ vielleicht weniger drastisch als „Ausgangssperre“? Englisches hat jedenfalls Hochkonjunktur. Unsere Schüler lernen im „homeschooling“, viele arbeiten im „homeoffice“. Wussten Sie übrigens, dass das gute alte Homeoffice in England nicht das Büro zuhause bezeichnet, sondern das Innenministerium? Ja, Anglizismen sind oft nicht ganz unproblematisch, wie auch am Beispiel des „social distancing“ zu sehen ist. Denn das englische „social“ hat eine andere Konnotation als das deutsche „sozial“. Während „social“ im Englischen in erster Linie „gesellschaftlich“ bedeutet, schwingt im deutschen „sozial“ eine ganze Menge mehr mit: es ist ein emotional und historisch vielfach belegter Begriff, der auch gesellschaftliche Solidarität, Gemeinsinn und Verantwortung umfasst. Wir haben es hier mit einem sogenannten „falschen Freund“ zu tun, also einem Wort, das in zwei Sprachen etwa gleich klingt, aber eine unterschiedliche Bedeutung hat. In diesem konkreten Fall kehrt sich die Bedeutung bei der direkten Übersetzung ins Deutsche sogar fast ins Gegenteil um. Denn wir sollen ja gerade jetzt keine soziale Distanz schaffen, sondern – ganz im Gegenteil – sozial zusammenhalten, und nur physischen Abstand halten, um eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern. So hat die kanadische Regierung „social distancing“ nun abgeändert in „physical distancing“.

Gerade dieses Beispiel zeigt, welch große Bedeutung eine sorgfältige Wortwahl besonders in schwierigen Zeiten hat. Denn das in den Medien geprägte und verwendete Vokabular spiegelt nicht nur die jeweilige Lage oder Krise wider, sondern es wirkt sich auch direkt auf unsere Wahrnehmung der Situation aus. Sprache formt unsere Gedanken. So ist es interessant zu beobachten, mit welch unterschiedlichem Wortschatz Politiker über die Pandemie kommunizieren. Die Bundeskanzlerin zeigt sich wie stets besonnen und meidet dramatische Wörter wie „Ausgangssperre“. Der Bayerische Ministerpräsident hingegen verwendete diesen Begriff tatendurstig schon sehr früh. Und jenseits des Atlantiks fällt die Kommunikation über die Krise geradezu martialisch aus. Dort werden in einem „kompromisslosen Krieg“ schwere rhetorische Geschütze gegen den „unsichtbaren Feind“ aufgefahren. Auf das teils drastische Wortgut der Verschwörungserzähler möchte ich hier nicht eingehen (und nein, der „Aluhutträger“ ist nicht neu, der tauchte erstmals bereits in der 1927 veröffentlichten Science-Fiction-Geschichte The Tissue-Culture King von Julian Huxley auf).

Sprache und deren Veränderungen haben also eine immense Wirkung auf unsere Wahrnehmung und Sicht der Dinge, weshalb gerade in Krisenzeiten Worte und Wörter mit äußerstem Bedacht und Fingerspitzengefühl gewählt werden sollten. Und dies ganz besonders in Politik und Journalismus. Mit der Infodemie schwappen einige wirklich angsteinflößende und bedrohlich klingende Wörter durch die Medien. Etwa „Durchseuchung“: das klingt nach Siechtum, Leiden und Inferno. Dabei handelt es sich eigentlich um einen rein wissenschaftlichen Begriff eher mathematischer Natur aus der Infektiologie, der schlicht den Verbreitungsgrad von Infektionskrankheiten bezeichnet, und der – ähnlich wie „Reproduktionszahl“ oder „exponentielles Wachstum“ – mit der Pandemie aus der Wissenschaftssprache in die Alltagssprache gewandert ist. Daneben wuchern eher weniger rationale Neologismen wie etwa „Corona-Hölle“ oder „Virenparadies“.

Aber Dank der sprachlichen Kreativität auf „inoffizieller“ Seite gibt es auch wunderbar phantasievolle Wortneuschöpfungen, vor allem im Dialekt. Hier nur eine kleine Auswahl an Beispielen für den Begriff „Mund-Nasen-Schutz“, der in (und vor!) aller Munde ist: Goschnhodern, Fotzndiachl, Bappnjanker, Maultäschle, Goschelabbe, Snutenpulli, Guschendeckel, Schnüssjardinche, Fratznschlüppi, Faceshirt.

Einer meiner Lieblingsbegriffe aus „Coronadeutsch“: Kleinfamilienknast, denn manchmal hat sich die Ausgangsbeschränkung schon ein wenig so angefühlt…

In diesem Sinne – bleiben Sie gesund!
(… und auch das hätte noch vor wenigen Wochen niemand als Schlussformel verwendet…)