Die Gedächtnislosen

Ich möchte heute ein spannendes Geschichtsbuch vorstellen. Das mag für manche ein Widerspruch in sich sein, und – ehrlich gesagt – gehören Bücher über Geschichte normalerweise auch nicht zu meiner Lieblingslektüre. Aber dieses kluge Buch über Vergangenheitsbewältigung und Nachkriegspolitik, auf das mich eine Kollegin aufmerksam gemacht hat, macht wirklich Spaß!

Géraldine Schwarz, eine deutsch-französische Journalistin und Dokumentarfilmerin, Jahrgang 1974, entdeckt eines Tages in alten Familiendokumenten, dass ihr deutscher

Großvater 1938 im Zuge der Arisierung ein jüdisches Unternehmen übernommen und sich nach dem Krieg geweigert hat, dem überlebenden Vorbesitzer die geforderten Reparationszahlungen zu leisten. Weitere Nachforschungen der Autorin fördern zutage, dass ihr französischer Großvater dem Vichy-Regime als Gendarm diente. Die Großväter: ein Nazi-Mitläufer und ein „Collabo“?

Die Journalistin Schwarz recherchiert sorgfältig weiter und verknüpft in ihrem dokumentarischen Buch „Die Gedächtnislosen – Erinnerungen einer Europäerin“ die Geschichte ihrer Familie mit der Diktaturgeschichte Europas. Handlungen, Meinungen und Beweggründe ihrer Familienmitglieder setzt sie flüssig in Beziehung zu Zeitgeist, politischen und historischen Fakten. Es gelingt ein inhaltsreiches und doch lebendiges Werk über Geschichte, Erinnerung, Vergessen, Verdrängung und (selbst-)kritische Auseinandersetzung. „Ich wollte die Fäden der großen Geschichte mit jenen der persönlichen verweben, diese Spuren auf einer imaginären Leinwand skizzieren, sie so lange miteinander kreuzen und überlagern, bis ein lebendiges Tableau sich abhebt, eine vergangene Welt mit ihrem Geist, ihren Empfindungen, und all ihren Licht- und Schattenseiten wiederersteht“, schreibt Schwarz in ihrem Buch.

Als Deutsch-Französin betrachtet sie vor allem das Geschehen und Erleben in Deutschland und Frankreich und die sich daraus ergebenden Entwicklungen und Strömungen in beiden Ländern. Anhand von Kindheitserinnerungen, Aussagen von Zeitzeugen, Reportagen, Literaturverweisen und Forschungsergebnissen entsteht ein äußerst greifbares Bild der jüngeren und aktuellen Geschichte.

Schwarz weitet ihre Betrachtungen über die Grenzen ihrer beiden Heimatländer auf deren Nachbarländer aus und untersucht, inwieweit eine Auseinandersetzung mit begangenem Unrecht stattgefunden hat und stattfindet, und wie sich dies auf das aktuelle Zeitgeschehen auswirkt. Sie kommt zu dem Schluss, dass vor allem dort, wo diese Aufarbeitung nicht oder nur unzureichend erfolgte, heute Rechtspopulismus neuen Aufwind erfährt und belegt diese hochaktuelle These unter anderem anhand der Beispiele Österreich, Italien, Ungarn und ehemalige DDR.

Vehement appelliert die überzeugte Europäerin für die konsequente Benennung von Unrecht und die intensive Aufarbeitung der Geschichte, um eine Basis zu schaffen für ein demokratisch geeintes Europa. Aufarbeitung, die nicht nur die dunklen Punkte der Vergangenheit fokussiert, sondern auch eine europäische Identität der Gegenwart und Zukunft.

Géraldine Schwarz wurde für ihr sehr lesenswertes Erstlingswerk 2018 mit dem Europäischen Buchpreis ausgezeichnet.

Durch die geschickte Verknüpfung der Geschichte der Familie mit der Geschichte des Kontinents, die trotz aller Perspektivenwechsel nie den roten Faden verliert, liest sich „Die Gedächtnislosen“ spannend wie ein Roman und vermag mehr Wissen zu vermitteln als so mancher Geschichtsunterricht.