Frisst die Revolution ihre eigenen Kinder?

 

In den 70-er Jahren machten sich im Nordwesten der USA einige „Homebrewer“ daran, in Gegenbewegung zu den industriell in breiter Masse hergestellten Bieren ihr eigenes Bier zu brauen. Dies war die Geburtsstunde des „Craft Beer“ und der „Beer Revolution“.

Es ist erst einige Jahre her, dass diese Craft Beer-Welle nach Europa herüber schwappte. Während die „Beer Revolution“ in Deutschland also noch eher in den Kinderschuhen steckt, könnte die Bewegung in Amerika bereits auf das Stadium einer Midlife-Crisis zusteuern. Denn Großkonzerne schielen mit begehrlichem Blick auf die erfolgreichen Craft Brewer.

Mit einem Marktanteil von 11 % und einem Umsatzzuwachs von etwa 20 % liegt Craft Beer, also das handwerklich gebraute Bier, in den USA eindeutig auf Erfolgskurs, wohingegen die Absatzzahlen für das konventionell hergestellte Bier der großen Braukonzerne seit Jahren stagnieren oder sogar sinken. Kein Wunder, dass in Zeiten, in denen Wachstum als oberstes Gebot der Wirtschaft gilt, die Großen der Branche auch etwas vom Gewinn der Kleinen abhaben wollen. So kaufte AB Inbev, die weltweit führende Brauereigruppe (Umsatz fast 50 Milliarden US-Dollar und mehr als 450 Millionen Hektoliter verkauftes Bier), seit 2011 bereits einige der erfolgreichen amerikanischen Craft Breweries einfach auf. Genannt seien Goose Island Brewing, Blue Point Brewing, 10 Barrel Brewing und Elysian Brewing Company. Übrigens schluckte AB Inbev soeben auch seinen größten Rivalen, den britischen SABMiller-Konzern, für knapp 100 Milliarden US-Dollar und mutiert damit zum nie dagewesenen Brauriesen. Jede dritte Flasche wird zukünftig aus einer der vielen Brauereien des Giganten stammen.

Werden die Großen sich auch in Deutschland die Kleinen, Jungen einfach einverleiben?

Bislang lässt sich derlei hier noch nicht beobachten. Aber auch der deutsche Biermarkt verändert sich. Anders als in den USA kaufen in Deutschland allerdings nicht die großen Brauereien die kleinen Craft Breweries, sondern sie steigen selbst ins vielversprechende Geschäft mit dem aufwärtsstrebenden Craft Beer ein. Bereits drei große deutsche Brauereien haben inzwischen ihr eigenes Craft Beer auf den Markt gebracht. Den Anfang machte Radeberger, die mit ihrer Tochter BraufactuM eine ganze Reihe Craft Biere lancierte, die in gut sortierten Supermärkten erhältlich sind. Es folgte Bitburger mit der Marke Craftwerk, die aus der brauereieigenen Versuchs- und Spezialitätenbrauerei hervorging. Bislang sind die Craftwerk-Biere ausschließlich online zu erwerben. Und schließlich brachte auch Beck’s (übrigens eine Tochter von AB Inbev) drei neue Sorten heraus, die interessanter Weise vorsichtig „internationale Premium-Bierspezialitäten“ genannt werden.

Aber ist das wirklich noch Craft Beer? Craft bedeutet Handwerk! Wo bleibt der Gedanke vom unabhängigen, individuell und handwerklich gebrauten Bier? Wo die Leidenschaft und Begeisterung für das Produkt? Kann ein Bier aus einem oft milliardenschweren Industriekonzern überhaupt ein Craft Beer sein?

Die weitere Entwicklung ist jedenfalls spannend, denn es scheint noch viel wirtschaftliches Potential im Craft Beer zu stecken:

Selbst die großen Hersteller für Brauereitechnik werben intensiv um die Craftbrewer und stellen auf der im November stattfindenden Messe BrauBeviale 2015 auch Equipment speziell für den kleinen Leistungsbereich aus. Und von so mancher Website grinst neuerdings ein bärtiger Typ mit Wollmütze und zerschlissenen Jeans – der Craft Brewer aus dem Bilderbuch…

Es bleibt spannend! Vive la révolution!